Talk To Me
Ich sehe dich. sehe deine Hände, wenn ich sie vor mir ausstrecke. Ich höre dich. Ich hör, wenn du grübelst, ich hör wenn du zweifelst. Ich bin nicht die Stimme in deinem Kopf. Ich bin du. Ich bin dein Schicksal, und du bist meines. Ich, der ich meinem Körper nicht entfliehen kann… der niemand anderes sein kann ausser mir. Und doch ist dies ein Dialog, kein Monolog. Manchmnal versuche ich aus mir heraus zu treten, mich selber von aussen zu betrachten. Vielleicht von oben. Aus dieser Perspektive wirkt man am kleinsten, em erbärmlichsten. Und ich bin es ja auch, wenn ich ehrlich bin. So wie auch in dir die Zweifel über die Sicherheit dominieren, sie beherrschen. Wer bist du schon? Wer interessiert sich für dich? Was hast du gestern gemacht? Vorgestern abend? Letzte Woche, die wie jede andere wie ein Schatten in deinem Leben vorbeistreifte? Du hörst meine Stimme, deine eigene. Aber sie ist undeutlich. Denn dies sind bloss Gedanken. Es sind keine Worte. Denken ist einfach. Sprechen ist schwierig. Du weisst, wie sich Zuneigung anfühlt. Aber du kannst sie nicht beschreiben, nicht ohne dabei zehn Nebensätze verwenden zu müssen. Hast du je den Begriff Denksprache gehört? Es meint, dass wir alle in unserer Muttersprache denken. Das ist falsch. Ich denke nicht auf deutsch. Wir denken in Bildern, in Empfindungen. Reichen sie aus, um mit anderen zu kommunizieren? Nein, natürlich nicht. Wie sollten auch andere ein Bild vor deinem geistigen Auge sehen? Sie sehen nur dein Gesicht. Schwer lesbar. Um meinem Gegenüber meine Gedanken zu vermitteln, muss ich sie verbalisieren. So, wie ich das jetzt mit dir mache. Hörst du mich? Ja, denn ich spreche mit dir. Ich bin dein Gewissen, dein Stolz, deine Zweifel, dein Panik, deine innersten Schamgefühle. Und ich öffne den Mund, um sie dir ins Gesicht zu schmeissen, dich damit blosszustellen. Aber nicht vor einem versammelten Publikum, sondern vor dir selbst. Und du brauchst diese Worte, nicht die Gedanken. Gedanken sind zu unkonkret, zu wässrig, zu ungreifbar, zu schnell wieder weg. Sie können sich miteinander vermischen, unglaublich schnell und unkontrollierbar. Sie sind relativierend. Das ist nichts schlechtes. Es ist ein Schutzmechanismus unserer Psyche. Wir sind Optimisten, wie ich schon häufig andeutete. Keine Pessimisten. Auch wenn viele von uns das von sich behaupten. Unsere Gedanken werden uns täuschen. Die Worte, die wir an uns selber richten, nicht. Also such dir einen stillen Ort, vielleicht dein Dachboden oder deinen Keller. Einen Ort, wo niemand anderes ausser dir selber dich stört. Setz dich hin, atme durch und öffne den Mund, um den ersten Satz zu formulieren. Beginne nicht mit einem Paukenschlag. Stelle nicht die Frage aller Fragen. Beginne simpel, einfach nur mit einem Willkommensgruss. Sag “Hallo” zu dir selber. Aber denke es nicht nur einfach. Sprich es laut hinaus, deinen Gruss an dich selbst. Nenne dich beim Namen. Es wird sich unglaublich cringe anfühlen. Du wirst Mühe haben. Aber tu es einfach. Sprich zu mir. Lass nicht zu, dass deine Sorgen in deinem Kopf unausgepsrochen bleiben? Du hast vielleicht Angst, sie jemandem anzuvertrauen, sogar dir selber. Du trägst vielleicht seit Jahren Lasten mit dir herum. Sorgen über zu wenig Anerkennung, einer kühlen leeren Zukunft ohne Liebe. Doch es sind bloss Gedanken ohne Worte. Wenn du auf einen Gedanken stösst, existiert er nicht in Form eines geschriebenen Satzes. Unsere Gedanken sind keine Prosa. Sie sind reines Bewusstsein von Bildern und Empfindungen. Nun öffnest du den Mund und vertraust sie dir selber an. Und sofort geschieht etwas seltsames. Die Gedanken bekommen eine körperliche Form. Sie stehen plötzlich im Raum als schaurige Wesen und nehmen dir den Atem. Sie sind da. Unausweichlich. Unbestritten. Sie stehen vor dir wie grosse uneinnehmbare Festungen. Unübersehbare Berge, die das Landschaftsbild prägen. Auf einmal stehst du vor deinen Wahrheiten wie das Kaninchen vor der Schlange. Aber sie wollen dir nichts böses. Sie sind einfach nur da, um dir Gesellschaft zu leisten. Sie gehören zu dir, wie du zu ihnen. Hab keine Angst vor ihnen. Akzeptiere einfach, dass sie zu deiner Welt gehören. Versuche nicht den Blick schweifen zu lassen, sondern blicke ihnen direkt ins Auge. Sie erwidern deinen Blick, diese grossen stummen Wesen. Sie sind lebendig. Aber nur, weil du ihnen den Raum gegeben hast. Sie existieren nur durch deine Beschwörung. Sie manifestieren sich dank deiner Worte. Nicht der inneren, leicht entrückbaren Worte der Gedanken, sondern den handfesten Worten, die aus deinem Mund kommen, die Luft in Schwingung versetzen und deine Umgebung vibrieren lassen. Du hast Resonanz erschaffen zwischen dir und deinen Geddanken. Und dies, mein Freund, ist der Weg, den du ab jetzt immer einschlagen musst, wenn dich dereinst wieder die Trübsal befällt. Endlich sprichst du mit mir. So wie ich gerade mit dir. Lass uns gemeinsam die Zukunft meistern. Denn wir sind eins.
Mai 2026
