Pancakes und die schreckliche Welt
“Wenn ich ganz ehrlich bin… ich weiss nicht, ob ich je Kinder haben möchte. Kinder, die ich in diese Welt setzen müsste. Diese Welt, so wie sie geworden ist und noch werden wird… ich möchte das keinem Kind antun.”
Erst vor ein paar Wochen hörte ich so eine Äusserung wieder einmal. Es geschah bei uns zuhause am Frühstückstisch an einem schönen Samstagmorgen. Der Tisch war beladen voll mit Speisen. Jemand war noch kurz zuvor im Supermarkt gewesen, um Zutaten für Pancakes zu besorgen. Wir hatten zwar noch Unmengen an Brot, aber heute morgen war den Leuten eher nach was besonderem. Einiges von dem Brot war sowieso schon steinhart, weil man irgendwann die Lust daran verloren hatte. Warum auch nicht? Man hatte ja genug davon. Es war ein spätes Frühstück, denn man hatte die Nacht zuvor durchgefeiert, hatte das Leben genossen, mit den anderen gelacht, sich in Ekstase getanzt. Alle waren noch ein wenig müde, doch die Stimmung war ausgelassen, auch als sich die Unterhaltung vermeintlich ernsten Themen zuwendete. Es ging wieder mal um die gewiss schlechte Zukunft der Welt, die von vernichtenden Katastrophen heimgesucht werden würde. Während am Tisch kultivierter Pessimismus ausgetauscht wurde, schien draussen freundlich die Sonne. Da das Fenster offen stand, begleitete fröhliches Vogelgezwitscher die Stimmen im Innern, die sich gegenseitig den kommenden Untergang der Welt versicherten, unterbrochen nur von Kaugeräuschen. Die Hoffnungslosigkeit der Lage war common sense. Die Zukunft würde schlecht werden und deswegen wolle man auch keine Kinder kriegen. Welches Kind würde schon in dieser schrecklichen Welt leben wollen?
Wie wir so dasassen wie die Maden im Speck, betrachtete ich die Szenerie und machte von diesem Esstisch einen imaginären Printscreen. Ich verglich ihn mit einem anderen Bild: eine Frau, die während des Zweiten Weltkriegs schwanger wird, um sie herum völlige Verwüstung. Ein anderes Bild zeigt Menschen auf der Flucht; Ein junger Mann, der endlich im Land seiner Träume angekommen war nach einer mörderischen Fahrt übers Mittelmeer. Eine junge Frau, die nun endlich ihr Studium machen kann, in einem Land wo sie lange dafür kämpfen musste. Und daneben immer wieder das Bild unserer selbstgefälligen Tischrunde mit unserer Überzeugung, dass diese Welt für Kinder nicht mehr lebenswert sein würde. Viele von uns haben wahrscheinlich die Illusion, die Menschheit sei kollektiv verzweifelt. Alles, was wir hören und sehen, deutet darauf hin, dass die Zukunft schlecht werden wird, egal wo. Klimawandel und so… all die schrecklichen Kriege und die Ressourcen-Knappheit... die Welt in naher Zukunft würde von kollektivem Fatalismus ergriffen werden, wenn allen klar wird, dass wir auf den Abgrund zusteuern in einem Boot, das ein grosses Loch hat. Die Menschheit ist gesamthaft verzweifelt und hoffnungslos. Stimmt überhaupt nicht! Das absolute Gegenteil ist der Fall.
Glücksforschungen zeigen, dass in Ländern des globalen Südens und Entwicklungsländern die Menschen in der Regel überaus optimistisch in die Zukunft schauen. Und das aus gutem Grund. Die Realität von jemandem aus Ghana ist, dass in den letzten Jahrzehnten die Armut praktisch halbiert wurde und die Wirtschaft kontinuierlich wuchs. Eine Frau in Ruanda erlebt, dass sich für sie Tür und Tor zur Politik und zu einem selbstbestimmten Leben öffnen. Viele Menschen, deren Schicksal wir von alten Stereotypen zu kennen glauben, haben ein deutlich besseres Leben als vor wenigen Jahrzehnten. Eine grosse Aufbruchsstimmung und ein optimistischer Blick nach vorn ist in vielen Ländern zu verzeichnen, die wir einst als Entwicklungsländer bezeichneten. Weltweit gibt es mittlerweile mehr Menschen, die Welt der Zukunft positiv sehen, als die anderen. Das harte Gegensatz dazu ist der kollektive Westen. Währenddessen legen sich in unseren reichen überfetteten Gesellschaftschaften die Stirnen in Sorgenfalten, Gesichter erstarren und Panik bricht aus, wenn man sich eine Welt in fünfzig Jahren vorstellt. Tatsächlich; die Realität, in der wir leben, verspricht uns etwas neues: Wir sitzen wahrscheinlich auf einem absteigenden Ast, auch wenn dieser immer noch sehr hoch oben am Baum hängt, für viele Menschen immer noch völlig unerreichbar und zudem auch unvorstellbar. Auch wir selber haben manchmal keinerlei Vorstellungen, worüber wir uns eigentlich beschweren. Alle sprechen von den küftigen Apokalypse, doch klar skizzieren kann sie auch niemand. Werden wir alle ertrinken? Verbrutzeln? Verhungern? Verdursten? Oder geschieht es subtiler und wir haben bei unserem tollen Samstagmorgen-Frühstück plötzlich keine Pancakes mehr, sondern müssen dann eben das liegengelassene und hart gewordene Brot essen. Wir werden unter mehr Stress stehen. Doch unsere Nachfahren werden eine andere Realität kennen und unsere nicht vermissen. Sie werden uns höchstens für unseren Fatalismus verachten, der massgeblich dazu geführt hat, dass wir unseren Arsch im Hier und Jetzt nicht bewegen wollen. Für unseren Egoismus werden sie uns sowieso schon verachten.
Aber während wir immer noch dauernd über unsere Verhältnisse leben, gibt es viele von uns, die ankündigen, sie wollen keine Kinder in diese Welt setzen; in diese schreckliche künftige Welt ohne Pancakes. Wenn diese künftige Welt für unsere Kinder nicht mehr lebenswert sein soll, frage ich mich, wie die Neanderthaler zehntausend Jahre in der Mammutsteppe überlebt haben und warum sie dies überhaupt wollten. Und die Welt derart furchtbar sein wird, sollten wir uns am besten doch hier und jetzt gleich alle erschiessen. Prophezeiungen über den Untergang der Menschen, die anpassungsfähigste Spezies, die jemals die Erde bewandert hat, sind Ausdruck unserer mangelnden Vorstellungskraft und fehlendes Bewusstsein über die Gegenwart, die wir uns selber gerne einreden, um den Gedanken an eine erstrebenswerte Zukunft keine Taten folgen lassen zu müssen. Fatalismus und Pessimismus sind die stärksten Bremskräfte fürs Handeln und um Dinge zu verändern. Sie zeugen von Faulheit, Arroganz und mangelnder Selbstreflexion. Wenn ich meine eigene Realität angucke, so muss ich sagen, dass die Welt, die ich vor dem Fenster sehe, nicht in Flammen steht, sondern in bunten Farben leuchtet. Draussen ist der Frühling jung und frisch, wie die hellgrünen Knospen. Sonnenstrahlen läuten die Zeit des Aufbruchs in ein neues Jahr ein. Meine Welt ist eine lebenswerte. Und auch die Welt, die danach unter den Folgen des Klimawandels existieren wird, wird eine lebenswerte sein. Ich ,jedenfalls, versuche, mich stets in Dankbarkeit zu üben. Aus meiner Sicht ist es nur richtig, den Optimismus zu bewahren, so wie es meiner Überzeugung nach die Pflicht eines jeden sein sollte, der das grosse Privileg hat, in derselben Realität wie ich zu leben und weitesgehend von schweren Schicksalschlägen verschont worden zu sein. Nichts entbindet mich von der Pflicht, den Glauben an eine bessere Welt stets aufrecht zu erhalten. Denn dieser Glaube ist, wie meine Hände und mein Wille, eine wichtige Ressource.
Jener Samstagmorgen fasst die Absurdität unser westlichen Mentälität zusammen: diejenigen, die ihren Arsch in einer dekadenten Bespassungs-Welt mit ihren fetten Pancakes geparkt haben, behaupten, dass eine künftige Welt nicht mehr lebenswert sein wird und wollen deswegen keine Kinder mehr haben. Leute anderswo, die einen Bruchteil von dem von uns konsumieren, schauen derweil zuversichtlich in die Zukunft. Mir ist es schon oft passiert, dass ich Leute sagen hörte, sie möchten keine Kinder aufgrund der aussichtslosen Lage der Welt. Ich habe davon noch nie ein einziges Wort geglaubt. Wenn jemand wirklich den Kinderwunsch verspürt, lässt er oder sie sich durch Klimatabellen davon nicht abbringen. Umweltprognosen, Kriege in fremden Ländern… all das wird niemanden davon abhalten, Kinder zu kriegen, wenn er oder sie es wirklich will. Niemanden! Die Aussage ist bewusst oder unbewusst bloss eine Ausrede, ein vorgeschobenes Argument, um nicht sagen zu müssen, dass man keine Verantwortung und kein Geld für Kinder ausgeben will, weil man mehr für sich selber haben will. Vielleicht ist es tatsächlich nicht schlecht, wenn solche Leute sich nicht fortpflanzen. Mit einem solchen Mindset könnte es schwierig werden. Doch die meisten von uns, die irgendwann den Kinderwunsch verspüren, werden vernünftig sein und sich nicht von Weltuntergangsfantasien beirren lassen. Unsere Kinder werden die Welt, die wir gekannt haben, nicht vermissen. Denn sie werden nur die Welt kennen, die wir ihnen hinterlassen und diese für normal halten. Und die Welt wird lebenswert bleiben, auch wenn dereinst der Klimawandel grosse Flächen des Planeten versteppt hat, die Meere angestiegen sind und die Ressourcen knapper geworden sind. Wir sind es wert, auf dieser Erde zu wandeln. Deswegen würde ich sagen, wir sollten alles daran setzen, sie schützen, unseren Verbrauch bändigen, ein intaktes Verhältnis zwischen uns und der Natur wahren. Wir sollten unsere verdammte Pflicht tun, unseren Konsum reduzieren, unser Ego töten und dann irgendwann Kinder kriegen, anstatt besinnungslos Pancakes in uns hineinstopfen, die Zukunft unserer Nachfahren verfrühstücken und dann gleichzeitig behaupten, dass die künftige Welt nicht mehr lebenswert sein wird.
März 2026
